Die vorbereitete Umgebung

Maria Montessori hat den Selbstaufbau des Menschen als das grundlegende Merkmal der Entwicklung betrachtet - “niemand (kann) dem Kind von außen (...) die Gestaltung seiner Psyche geben” [29]. Sie hat Wege gefunden, wie der Eigenaktivität des Kindes auf bestmögliche Weise zu ihrem Recht verholfen werden kann. In der vorbereiteten Umgebung erkannte sie eine der notwendigen Bedingungen.

“Vorbereitete Umgebung” ist ein vielschichtiger, von den Bedürfnissen und dem Entwicklungsstand des Kindes wie auch von den gesellschaftlichen Bedingungen abhängiger Begriff. Das Kind benötigt seiner jeweiligen Entwicklungsstufe entsprechend eine andere Umgebung. Die vorbereitete Umgebung ist also nichts Starres, Gleichbleibendes, immer und überall Identisches, sondern etwas im höchsten Maße Flexibles und Unterschiedliches, das die Einfühlung, Kenntnis und Fantasie der PädagogInnen herausfordert.

Doch lassen sich einige allgemeine Merkmale aufzählen, die den Begriff näher umschreiben: Er umfasst die architektonische Gestaltung eines Kinderhauses oder Schulgebäudes ebenso wie die Ausstattung des Gruppenraumes oder Klassenzimmers. Die Gegenstände, die das Kind benötigt, um seinen Geist zu üben, gehören ebenso dazu wie die Ordnung und der gepflegte Zustand, in dem sich alles im Raum befinden soll. Und nicht zuletzt gehört die Lehr- bzw. die Erzieherperson selbst dazu. “Sie ist der lebendigste Teil der Umgebung” [30] und zugleich deren Mittelpunkt.

Die vorbereitete Umgebung ist also der physische und psychische Raum, in dem das Kind die entscheidenden Schritte seines seelischen und geistigen Wachstums vollzieht.

Sie ist der zentrale Ort und der psychosoziale Rahmen, in dem der Aufbau von Geist und Charakter gelingen kann. 

Von der Architektur erwartet Montessori, dass sie licht und freundlich ist und dass die Einrichtung das Bewegungsbedürfnis des Kindes berücksichtigt. Die Räume sollen ästhetisch ansprechend sein; denn “die Schönheit regt gleichzeitig die Sammlung an und bietet dem müden Geist Ruhe” [31]. Die Möbel sollen leicht, beweglich und vor allem schlicht sein. Das Mobiliar soll seine ästhetische Qualität in der Schlichtheit entfalten. Das Geschirr soll zerbrechlich sein, damit das Kind die Folgen bemerkt, wenn es etwas fallen lässt, und sich bemüht, seine Bewegungen künftig besser zu koordinieren.

Die Raumeinteilung soll so gestaltet sein, dass sich das Kind frei bewegen, sich allein oder zusammen mit anderen einer frei gewählten Arbeit widmen und den Raum jederzeit verlassen kann. 

Eine besondere Bedeutung kommt nach Montessori dem Material zu, “denn ohne Gegenstände kann sich das Kind nicht konzentrieren” [32]. Folgende Merkmale des Materials sind zur Erfüllung seiner immanenten „pädagogischer Aufgaben“ wichtig: Das Material soll durch Form und Farbe die Aufmerksamkeit fesseln, Fehlerkontrolle einschließen und selbstständiges Lernen ermöglichen. Im Montessori-Material wird eine einzelne Eigenschaft wie z.B. Gewicht, Form oder Größe isoliert, um Klarheit und Differenzierung zu erreichen. Jedes Material ist mengenmäßig begrenzt, d.h. in der Regel nur jeweils einmal vorhanden. Dadurch lernt das Kind zu warten, seine Impulse zu beherrschen und auf andere Rücksicht zu nehmen.

Das wesentliche Kriterium der Materialien ist, dass sie die Selbstbildung und Selbsterziehung des Kindes ermöglichen. Deshalb müssen sie “in ihrem Aufbau genau den psychischen Aufbaubedürfnissen entsprechen”. Sie sollen gleichsam “ein materieller Abdruck der inneren Entwicklung” sein [33]. So kommen die Materialien für die Übungen des praktischen Lebens und der Sinne, für Mathematik, Sprache und kosmische Erziehung den jeweiligen Entwicklungsbedürfnissen des Kindes entgegen, z.B. dem Bedürfnis nach Bewegung und nach selbständiger Aktivität, nach sinnlichen Erfahrungen und nach Abstraktion. Die Kinder wählen die Materialien, mit denen sie arbeiten, nach ihrem Interesse aus, ihrem aktuellen Entwicklungsstand entsprechend. Gelegentlich beschäftigen sie sich jedoch wieder mit Materialien, deren Handhabung sie schon gut kennen. Dabei können sie mehr Sicherheit und Selbstvertrauen gewinnen. Es ist wichtig, dass die Kinder im Klassenzimmer auch Materialien vorfinden, die von ihren Anforderungen her über den gegenwärtigen Entwicklungsstand hinaus weisen und so ihre Neugier und ihr Interesse anregen.

Das Material darf nicht als reines didaktisches Material missverstanden werden. Es ist keine “Hilfe für den Lehrer, um seine Erklärungen der Gesamtheit einer Klasse verständlich zu machen” [34], sondern es dient der Entfaltung der Potentialitäten und Kräfte des Kindes. Darum wählen die Kinder selbst, womit sie sich und wie lange sie sich beschäftigen wollen. Sie tun dies nicht aus Willkür, sondern dem Antrieb ihres inneren Bauplans folgend.

Die zentrale Figur der vorbereiteten Umgebung ist die Person der Lehrerin / des Lehrers. Von ihr kommt “die Genesung und die Anziehungskraft, die den Willen der Kinder polarisieren wird” [35]. Als zu schulende Qualitäten beschreibt Montessori:

  • Beobachten, damit sie die geistigen Bedürfnisse, Neigungen, Potentialitäten und sensiblen Phasen erkennt und offen ist für die “Offenbarungen” des Kindes;
  • Geduld, da sie warten können und bereit sein muss, lieber Zeit zu verlieren als zu gewinnen, anstatt ungeduldig einzugreifen, wenn sich beim Kind nicht sofort Erfolge einstellen wollen;
  • Vertrauen in das Kind, genauer gesagt in die verborgenen Schöpferkräfte des Kindes, in der festen Überzeugung, dass das Kind seinen eigenen Weg finden wird;
  • Bereit sein zu helfen, aber nur dann, wenn das Kind Hilfe braucht und ebenso bereit sein, sich zurückzuziehen und sich jeder Einmischung zu enthalten, sobald das Kind in eine Tätigkeit vertieft ist;
  • Liebe zum Kind, wobei nicht die emotionale Liebe gemeint ist, sondern Liebe im Sinne eines lebhaften Interesses am seelischen Wachstum und intellektuellen Fortschritt des Kindes;
  • Demut, weil sie sich vom Kind und seiner Entwicklung führen lassen muss.