Die Freiarbeit

In Übereinstimmung mit neuesten Erkenntnissen gelangte Maria Montessori bereits vor mehr als einem halben Jahrhundert zu der Gewissheit, dass echter Lernerfolg nur dann von Dauer und von bildender Wirkung ist, wenn das Kind durch aktives Handeln und gemäß seiner sensiblen Phasen Lerninhalt, Lerntempo und Lernverfahren selbst bestimmen kann.

Darum brach sie radikal mit allen traditionellen, auf Belehrung und auf bloße Wissensvermittlung ausgerichteten Erziehungs- und Unterrichtsmethoden und setzte kompromisslos auf die selbst gesteuerte Lernaktivität und spontane Wissensbegierde des Kindes. Nur unter dieser Voraussetzung sah sie den stimmigen Aufbau der kindlichen Intelligenz gewährleistet.

Die Art und Weise, in der diese ganz und gar unkonventionelle Form selbst kontrollierten Lernens verwirklicht werden soll, ist die in Montessori-Einrichtungen praktizierte sog. “Freiarbeit”. Im deutschen Sprachraum wird übereinstimmend von “Freiarbeit” und nicht wie im Montessori-Original von “freier Arbeit” gesprochen. Montessori selbst spricht von “innerer Arbeit”, “freier Arbeit” und von der “großen Arbeit” [36]. Gemeint ist aber immer dasselbe: Das Sich-Versenken in eine interessante und frei gewählte Arbeit, in der das Kind über die Tätigkeit zur Konzentration findet.

 Der Geist, der sich entwickeln will, braucht eine Tätigkeit. Er muss sich üben und durch eine angemessene Arbeit beschäftigen können, damit sich seine Energie nicht in “Teilbildungen” [37] verliert. “Ein tatenloser Mensch kann nicht geistig sein” [38].

Für diese Aktivität genügen nicht Gegenstände irgendwelcher Art. Sie müssen den Entwicklungsbedürfnissen entsprechen und wie gesagt darüber hinausgehen. „Es muss eine Umgebung von ‚progressiven Interessen‘ sein“ [39], d.h. die Gegenstände müssen die Aktivität des Kindes herausfordern, es neugierig machen. Deshalb sollen sie in ihrem Schwierigkeitsgrad eher etwas über dem aktuellen Leistungsvermögen des Kindes liegen. Entsprechen die Materialien den Entwicklungsbedürfnissen des Kindes nicht, können sie die Energien des Kindes nicht konzentrieren, wodurch leicht abweichendes Verhalten hervorgerufen bzw. verstärkt wird: “Die Hand bewegt sich ohne Zweck; der Geist entfernt sich von der Wirklichkeit; die Sprache versucht Gefallen an sich selbst zu finden; der Körper bewegt sich ohne Ordnung. Diese getrennten Energien, die nie Befriedigung finden, bewirken unzählige Kombinationen abwegiger Entwicklung, die die Ursache für Konflikte und Störungen ist” [40].

Das bedeutet jedoch nicht, dass die „gesunde“ Weiterentwicklung des Kindes immer von Beschäftigung mit „progressiven Interessen“ abhängig ist. Es ist für Kinder sehr wichtig, dass sie auch die Gelegenheit haben, so lange bei der gleichen Aktivität zu verweilen bzw. diese zu wiederholen, bis ihr inneres Bedürfnis danach befriedigt ist. Manchmal sind auch länger zurückliegende Aufgaben oder Materialien von großem Interesse; das Erleben, wie leicht ihnen jetzt vergangene Aufgaben fallen, kann sie bestärken und ermutigen, neue Aufgaben anzugehen.

Von entscheidender Bedeutung ist das Gewähren von Freiheit. Wird dem Kind die Möglichkeit eingeräumt, selbständig zu handeln, über sich selbst zu gebieten, das Lerntempo selbst zu bestimmen, die Lerngegenstände selber wählen zu können, und ist der Lehrer bereit, sich nicht einzumischen, weder durch Lob noch durch Tadel, wenn sich das Kind zu konzentrieren beginnt, dann finden tiefgreifende Veränderungen in der kindlichen Persönlichkeit statt: Die Freude an der Arbeit wächst, die Intelligenz wird stark und nahezu “unersättlich in ihrer Suche nach Wissen” [41], abweichende Charakterzüge verschwinden; eine neue Lebensform beginnt.

Die Aktivität des Kindes, die eintritt, sobald es sich für Gegenstände zu interessieren beginnt, die seinen Neigungen entsprechen, bedarf keines äußeren Zwangs; denn die Arbeit wird zu einer “Haltung”, durch die sich wiederum das intellektuelle Niveau des Kindes sehr rasch erhöht. “Die Kinder arbeiten dann mit Ordnung, Ausdauer und Disziplin in einer andauernden, natürlichen Weise (...), die den natürlichen Bedürfnissen des inneren Lebens entspricht” [42].

Dabei ist der Einfluss auf die gesamte Persönlichkeit des Kindes unverkennbar: Eine Haltung des inneren Gleichgewichts und der beständigen Aufmerksamkeit gegenüber seiner Umgebung stellt sich ein. Weitere Folgen konzentrierter Arbeit sind, dass sich nach deren Beendigung nicht etwa Müdigkeit oder gar Erschöpfung zeigt, sondern Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Aufgeschlossenheit für die Bedürfnisse anderer. Launenhaftigkeit, Unordnung, Schüchternheit, Trägheit verschwinden und an deren Stelle treten Konzentration, spontane Disziplin, kurz all das, was Montessori als “Normalisation” bezeichnet [43].

Am auffallendsten ist das Phänomen der freiwilligen Disziplin. Sie ist “die erste Folge einer sich innerlich formenden Ordnung” und “äußeres Zeichen für eine begonnene innere Arbeit” [44]. Auf diese Weise wird ein altes, schier unlösbares Problem gelöst, dass nämlich Disziplin erlangt wird, indem man Freiheit gibt [45].

Jedoch muss vor einem Missverständnis gewarnt werden. Freiheit darf nicht mit Bindungslosigkeit, Willkür oder Beliebigkeit verwechselt werden. “Dem Kind seinen Willen lassen, das seinen Willen nicht entwickelt hat, heißt den Sinn der Freiheit verraten”  [46]. Dadurch würden Kinder nicht nur Gefahr laufen, seelisch zu verwahrlosen; allzu leicht könnte daraus auch “eine ungeordnete Entfesselung nicht mehr kontrollierter Impulse” [47] entstehen.

Daher muss der Weg in die Freiheit behutsam erfolgen. Es bedarf einer willensstarken Hand, einer kreativen Führung und eines wachen Auges, das die Zeichen erkennt, wenn ein Gegenstand das Interesse des Kindes weckt; denn dies ist der entscheidende Moment, in dem das Phänomen der Konzentration entsteht, aus der wiederum das Kind sein geistiges Wachstum und seine innere Ordnung gewinnt.