Polarisation der Aufmerksamkeit

Entgegen der weit verbreiteten Auffassung, das Verhalten des Kindes sei durch rasch wechselnde Interessen und durch unbeständige Tätigkeiten gekennzeichnet, machte Montessori die Entdeckung, dass Kinder unter bestimmten Bedingungen zu anhaltend konzentrierter Beschäftigung fähig und bereit sind.

Um diese Form konzentrierter Aufmerksamkeit von der meditativen Selbstversunkenheit und der geistlichen Meditation zu unterscheiden, spricht Montessori von “Polarisation”. Gemeint ist “das Aufgehen in einer Arbeit, einer konzentrierten, frei gewählten Arbeit, die die Kraft hat zu konzentrieren und, anstatt zu ermüden, die Energien, die geistigen Fähigkeiten und die Selbstbeherrschung erhöht” [14]. Es geht um eine geistige Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, die mehr ist als bloße “Beschäftigung”. Sie ist “Arbeit” im strengen Sinn [15]. Sie kann weder befohlen noch künstlich hervorgerufen werden.

Sie wird zwar ausgelöst durch eine vom Gegenstand ausgehende Faszination, doch bewirkt diese allein noch keine konzentrierte Beschäftigung mit ihm. Es muss noch ein innerer Impuls als Antwort auf den äußeren Reiz hinzukommen. Nur wenn Übereinstimmung zwischen geistigem Interesse und sinnlichem Reiz besteht, wird Polarisation möglich. Man kann sich das so vorstellen: “Zwei Kräfte (wirken) auf die Zerebralzelle wie auf eine geschlossene Tür: die äußere Sinneskraft, die anklopft und die innere, die sagt: öffne! Wenn die innere Kraft nicht öffnet, klopft der äußere Reiz vergebens an die Tür” [16].

Das Phänomen der Polarisation ist bei jedem Kind anzutreffen, sofern ihm die Freiheit gewährt wird, seinen Interessen nachzugehen bzw. es in eine Umgebung versetzt wird, die seinen geistigen Hunger zu stillen und in der es seinem Tätigkeitsdrang ungestört nachzugeben vermag [17].

Sind diese Voraussetzungen gegeben, bleibt die Polarisation nicht aus; denn ein inneres Streben treibt das Kind an, sich mit einem interessanten Gegenstand zu befassen und sich so lange dieser Tätigkeit hinzugeben, bis ein gewisser Sättigungsgrad erreicht ist. Nicht Ermüdung oder gar Erschöpfung bestimmen deren Ende, sondern das gestillte Bedürfnis.

Interessant am Phänomen der Polarisation sind dessen Folgeerscheinungen: Die Kinder entwickeln Eigenschaften wie “spontane Disziplin”, “ständige, freudige Arbeit”, “soziale Gefühle der Hilfe und des Verständnisses für die anderen” [18]. Es entsteht ein Bewusstsein um die eigene Individualität und “die Liebe für die Personen und die Dinge”. Das Kind “trennt sich selbst von der Welt, um die Kraft zu erringen, sich mit ihr zu vereinen”; es spürt die Welt “wie ein unbegrenztes Feld für neue Entdeckungen und es bemerkt die Gefährten, denen es ein herzliches Interesse entgegenbringt” [19]. Die Polarisation der Aufmerksamkeit ist der Grundstein für den “Beginn einer neuen Lebensform” [20].