Historische Entwicklung in Deutschland

So hat es begonnen

Erste nachweisbare Auseinandersetzungen mit der Pädagogik Maria Montessoris gingen bereits vor dem 1. Weltkrieg von Berlin und Hamburg aus. Die aus einer der bedeutendsten Hamburger Kaufmannsfamilien stammende Lisa Jaffé veröffentlichte als eine der ersten Frauen Deutschlands mehrere Aufsätze über die neue Pädagogik aus dem Ausland. Sie konstatierte über das "Ziel des Montessorisystems", ausgehend vom vorherrschenden Erziehungssystem der letzten Jahrhunderte.

"Das Erziehungssystem der letzten Jahrhunderte war auf der Basis der Erbsünde aufgebaut, und das Problem hieß, aus einem kleinen von Natur aus mit bösen Instinkten behafteten Wesen so etwas ähnliches wie einen gehorsamen und nützlichen Bürger zu gestalten. Das Ideal war als eine vorhandene Form gedacht, aus der ein Geschöpf hervorgehen sollte, das so viel wie möglich einem vorhandenen Modell entspräche.

Heutzutage aber vermindert sich von Jahr zu Jahr die Zahl derer, die an eine Erbsünde glauben, und die alten Zwangsmaßregeln der Erziehung fordern allseitige Kritik heraus. Es wächst der Glaube ans Leben und an die Fähigkeiten in der Natur des Menschen, an die wir heute als größte Forderung 'Selbstverwirklichung' stellen, ohne sie können wir uns kein vollkommenes Leben mehr denken, ihre einzige Schranke ist die Achtung vor der Freiheit unserer Mitmenschen. - Zu dieser Entwicklung bedarf das wachsende Menschenkind der 'Freiheit' und der 'Ermutigung', damit die in ihm schlummernden schönen, natürlichen, schaffenden Impulse des Guten gefördert und ausgebildet werden können. Dem Kinde muss von den allerfrühesten Jahren an Gelegenheit zur Selbst-Entwicklung geboten werden, zur Vertiefung seiner Individualität und Initiative. Das ist das Ziel des Montessorisystems" (Jaffé 1914, S. 15).

Lisa Jaffé hatte beabsichtigt, Montessori-Einrichtungen zu gründen. Die finanziellen Mittel dafür waren durch ihre (eine der reichsten) Familie zwar gesichert. Der 1. Weltkrieg jedoch vereitelte ihr Vorhaben.

Es gab aber noch weitere Frauen in Deutschland, die vor 1933 die Pädagogik Montessoris bekannt machten. Im Wesentlichen waren dies Irene Dietrich, Elsa Ochs, Hilde Hecker und Elisabeth Schwarz (später Schwarz-Hierl). Einige von ihnen besuchten den 2. Internationalen Montessori-Kurs in Italien. Als Teilnehmerin dieses Kurses steckte Elsa Ochs ihre Freundin Clara Grunwald mit dem Gedankengut Montessoris an.

Clara Grunwald, eine Berliner Lehrerin, engagierte sich für eine Erneuerung des kaiserlichen Schulsystems. Mit großer Begeisterung las sie 1913 Montessoris epochales Werk „Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter“, das wir heute unter dem Titel “Die Entdeckung des Kindes“ kennen. Diese Pädagogik erschien ihr als adäquate Lösung  für drängende sozialpolitische Probleme und für die Gestaltung des öffentlichen Erziehungswesens. Umgehend suchte sie nach Möglichkeiten, die Pädagogik aus Italien in die Tat umzusetzen. Sie plante eine Erprobung in den Kindergärten der Stadt Berlin.

Der 1. Weltkrieg jedoch verhinderte alle Vorhaben zur Verbreitung der Montessori-Pädagogik in Deutschland. Italien wurde zum Kriegsgegner und damit unterlag alles, was aus dem Feindesland kam, einer strengen Zensur und der öffentlichen Verleumdung – auch die Pädagogik Maria Montessoris.

Clara Grunwald engagierte sich nach diesem grausamen Krieg sofort wieder und trat in Verbindung mit dem "Bund Entschiedener Schulreformer" für eine grundsätzliche Erneuerung des Schul- und Erziehungssystems ein. Schon 1919 gründete sie, unterstützt von der ausgebildeten Montessori-Pädagogin Elsa Ochs, das "Montessori-Komitee". Laut Satzung durften diesem nur Fachleute beitreten. 1921 erfolgte die Gründung der "Gesellschaft der Freunde und Förderer der Montessori-Methode in Deutschland e.v.". Mit dieser Organisation wollten die beiden Frauen eher Laien ansprechen, um so auch eine stärkere Breitenwirkung zu erzielen. Beide Organisationen schlossen sich 1925 zur "Deutschen Montessori Gesellschaft" zusammen, deren Leitung Clara Grunwald übernahm.

Diese Frauen waren 1919 maßgeblich an der Errichtung des ersten Montessori-Kinderhauses in Deutschland beteiligt, das in Berlin-Lankwitz eröffnet wurde. Vor allem Clara Grunwald war diejenige, die diese Einrichtung weiter ausbauen wollte.

In einer Petition an das "Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung" schrieb sie: "Lankwitz ... hat nur einen Fehler: 'Das Haus der Kinder' nimmt seine Vierzig nur für vier Stunden auf. Es ist also kein eigentliches 'Haus der Kinder'. Als solches müsste es ein Tagheim sein. Die Kinder dürfen nicht während des Nachmittags auf die Straße zurückgegeben werden. Wäre es ein Tagheim, so könnte es vorbildlich sein und den ersten deutschen Versuch mit der Montessori-Methode bedeuten ... Es ist deshalb von größtem Interesse für die deutsche Pädagogik, dass Montessori-Versuchsklassen in Groß-Berlin errichtet werden, und daß das Lankwitzer 'Haus der Kinder' zu einem Tagesheim ausgebaut wird" (Grunwald 1920, S. 426).

Doch das Gegenteil wurde Wirklichkeit: Auf Beschluss der Bezirksversammlung wurde das "Haus der Kinder" am 1.10.1922 aus "Mangel an Mitteln" geschlossen. Die Proteste der Eltern und pädagogisch Verantwortlichen hatten keinen Erfolg. Seltsamerweise wurde wenige Tage später an gleicher Stelle ein Fröbel-Kindergarten eröffnet. Ein am 1. November 1921 in Berlin eröffnetes Montessoriheim bekam trotz Öffentlichkeitsarbeit kaum Kinder. Es musste fünf Monate später seinen Betrieb einstellen. Clara Grunwald gab sich nicht damit zufrieden. Zu groß war ihre Überzeugung von der Montessori-Pädagogik. Hatte sie doch zwischenzeitlich einen Diplomkurs in London absolviert. So rief sie Maria Montessori selbst zu einem Vortrag nach Berlin, Am 27. Oktober 1922 sprach die Dotoressa in der Universität von Berlin über "Grundlinien meiner Erziehungsmethode". Die charismatische Italienerin sorgte gewaltig für Furore durch ihre revolutionäre Erziehungsansicht. Dazu konstatierte Maria Montessori: "Als wir das Kind erzogen, um aus ihm einen Erwachsenen nach unserem Bilde zu machen, erzogen wir es nur bis zu unseren Fähigkeiten. Es konnte uns die Frische seiner jungen Seele nicht offenbaren, weil wir es zu einer Nachahmung unserer selbst führten und so die Kraft des neuen Menschen in ihm unterdrückten. Die kindliche Seele ist zart; sie braucht es mehr als jede andere, daß man sie schützt, weil sie nicht die Kraft hat, sich gegen Unterdrückung durch die Seele des Erwachsenen zu wehren: Das Kind ist das einzige menschliche Wesen, das leiden kann ohne zu klagen. Sein Reichtum ist die Lebensflamme, die es dazu treibt, zu wachsen und sich zu entfalten. Die Gesetze des Lebens sind in ihm enthalten, aber es kann sie uns nur offenbaren, wenn wir ihm Entwicklungsfreiheit lassen. Wir können also nichts anderes tun, als ihm die Mittel darbieten, die es zu dieser Entwicklungsfreiheit führen" (Montessori 1923, S.8).

Diesem Auftritt folgte ein Montessori-Boom, der weit über Berlin hinaus reichte. In Berlin selbst gründeten sich Montessori-Kinderhäuser (am 1.2.1923 in Wilmerdorf unter Leitung von Elsa Ochs,  am 2.5.1924 in Wedding und Leitung von Ilse Simachowitz). Mehrere Zuhörer wollten einen Ausbildungskurs absolvieren und so organisierten Clara Grunwald und Elsa Ochs mit Genehmigung der Dottoressa im Berliner „Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht“ einen Ausbildungskurs von April bis September 1923.

Im Winter 1926/27 kam Maria Montessori höchstpersönlich nach Berlin und bildete LehrerInnen, Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen in ihrer Methode aus. Auch Helene Helmig, die Leiterin des Aachener Fröbelseminars, nahm daran teil. Doch dieser Kurs stand unter einem schlechten Stern. Er endete mit einem Eklat: Die "Deutsche Montessori-Gesellschaft e.V." (1925 von Clara Grunwald gegründet und präsidiert), die als Veranstalter des Kurses verantwortlich zeichnete, erschien Maria Montessori "sozialistisch unterwandert und zu wenig religiös untermauert" (zit. n. Wegner 2001, S. 86). Maria Montessori wollte den Kurs annullieren und verweigerte die Diplomurkunden zu unterschreiben. Daraufhin drohte Clara Grunwald, rechtliche Schritte zu unternehmen. Nach langen Auseinandersetzungen bequemte sich die Dottoressa erst 1929, die letzten Zeugnisse zu unterschreiben. Enttäuscht setzte sich Clara Grunwald dennoch weiterhin für die Montessori-Pädagogik ein. Sie erstellte Publikationen für unterschiedliche Adressaten und Informationsbroschüren über das neue Bild des Kindes, der Erziehung und Bildung in Kinderhaus und Schule.

Weiter setzte sie sich für die Errichtung von Montessori-Klassen in Berliner Volksschulen ein, protegierte die Gründung einer zweiten privaten Montessori-Schule neben Dahlendorf in Zehlendorf und die eines „Freiluftkindergartens für tuberkulöse Kinder“. Im Winter 1928/29 organisierte sie einen weiteren Montessori-Ausbildungskurs. Sie half zusammen mit Elsa Ochs meist in Form von Vorträgen bei Gründungen von Kinderhäusern auch in anderen Orten. Erwähnt werden dabei Städte in der Mark Brandenburg, in Pommern in Sachsen und Schlesien, aber auch Frankfurt/Main, Nürnberg, Mainz, Köln, Aachen und mehrere Städte im Ruhrgebiet.

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Kritik an der Pädagogik Montessoris und politische Einflüsse

In Deutschland gab es nicht nur Bewunderung für Maria Montessori und ihre Ideen. Immer wiederkehrende Kritikpunkte waren nationalistisch, bis in den Rassismus hineinreichend und  polarisierten die Fröbel-Montessori-Diskussion. Die Fröbel-Bewegung interpretierte jegliche Tätigkeit des Kindes als Spiel und die Begriffe Spiel und Arbeit wurden gegensätzlich gedeutet. Montessori dagegen verwendete das Verb „arbeiten“ für genuin kindliche Handlungen, da das Kind sich selbst aufbaut. Montessoris Anhänger kamen eher aus katholischen und jüdischen Kreisen, Ablehnung erfuhr sie aus sozialistischen Kreisen.

Innerhalb der Berliner Montessori-Bewegung geriet Clara Grunwald immer mehr an den Rand. Ihre GegnerInnen gründeten schließlich 1930 unter der Präsidentschaft Maria Montessoris den „Verein Montessori-Pädagogik Deutschlands e.V.“. Dieser Verein beanspruchte für sich, dass er „die richtige und reine Montessori-Methode in Deutschland“ vertrat. Oft kämpfte er mit unfairen Mitteln gegen Clara Grunwald, ihre AnhängerInnen und die „Deutsche Montessori-Gesellschaft e.V.“. Ab dieser Zeit wurde das Verhältnis von Maria Montessori und Clara Grunwald zunehmend  gespannter. Auch die Gründung der „Association Montessori Internationale“ 1929 in Berlin konnte eine Abschwächung der Montessori-Bewegung nicht auffangen. Der Sitz dieser Dachorganisation wurde kurz danach von Berlin nach Amsterdam verlegt, wo er noch heute ist.

Im April 1931 traf aus Rom beim „Provinzial-Schulkollegium der Provinz Brandenburg und von Berlin“ aus heiterem Himmel der folgende denunzierende Brief ein:                            
"Wir unterzeichneten deutschen Lehrkräfte aus dem 16. internationalen Montessori-Ausbildungskurs in Rom gestatten uns, dem Provinzial-Schulkollegium der Provinz Brandenburg und von Berlin folgenden Bericht zu übersenden.
Wir haben bereits an früheren von der Deutschen Montessori Gesellschaft veranstalteten Ausbildungskursen teilgenommen. Bei dem letzten Kursus 1928/29 erklärte Frau Grunwald, daß Frau Dr. Montessori diesen Kurs autorisiert habe. Dies entsprach aber nicht der Wahrheit. Ungefähr 45 deutsche Lehrkräfte nahmen an diesem Kursus z.T. unter großen finanziellen Opfern teil. Verschiedene Kursisten waren von Behörden und Regierungen geschickt.

Schon während der Ausbildungslehrgänge haben wir stark daran gezweifelt, daß Frau Grunwald geeignet sei, die Montessori-Pädagogik zu übermitteln. In der dann folgenden praktischen Berufsarbeit haben wir erkennen müssen, daß diese Zweifel voll berechtigt waren. Es war uns nur das nahe gebracht worden, und noch dazu in vollkommen unzulänglicher Weise, was Frau Dr. Montessori vor vielen Jahren geschaffen hat. Wir ahnten nichts davon, daß die Montessori-Methode lebendig ist und von der Schöpferin ständig ausgebaut wird. Die Erfahrungen der Praxis ließen den Entschluss in uns reifen, eine weitere Ausbildung von Frau Dr. Montessori selbst zu erhalten.

Während des Kursus in Rom haben sich unsere Vermutungen bestätigt, dass wir nach unserer bisherigen Ausbildung nicht vollwertige Montessori Arbeit haben leisten können, da die Montessori Gedanken entstellt übermittelt worden sind. Die Kurse in Berlin haben durch ein unharmonisches Vielerlei psychologischer und pädagogischer Anschauungen die Kursisten verwirrt. Die Dozenten haben z.T. in ausgesprochenem Gegensatz zur Gedankenwelt Frau Dr. Montessoris gestanden. In dem jetzigen Kursus in Rom dagegen, dessen Grundlage ein tiefes Eindringen in die Montessori Idee ist, wird ein organischer Entwicklungsgang aufgebaut, der alle Möglichkeiten zu vertiefter pädagogischer Arbeit in sich birgt.

Mit ganz besonderer Dankbarkeit möchten wir hervorheben, daß uns die Teilnahme an dem Kursus nur durch besonderes Entgegenkommen von Frau Dr. Montessori ermöglicht worden ist. Die Gebühren sind stark ermäßigt, zum großen Teil erlassen worden. Frau Dr. Montessori hat sich zu diesem Schritt auf Anregung des Vereins Montessori Pädagogik Deutschlands, Berlin W 8, Wilhelmstrasse 57, entschlossen, weil sie erkannt hat, daß wir durch die früheren Kurse in unverantwortlicher Weise irregeführt worden sind.
Wir wenden uns mit diesem Schreiben an das Provinzialkollegium, weil wir den Wunsch haben, in Deutschland vorbildliche Montessori-Arbeit zu leisten und den deutschen pädagogischen Behörden ein richtiges Urteil über die Montessori-Methode zu ermöglichen.
Wir sind uns klar, daß wir hierzu der wohlwollenden Unterstützung des Provinzial-Schulkollegiums bedürfen und zeichnen
Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst" (Brandenburgisches Landeshauptarchiv).

Clara Grunwald zog sich daraufhin immer mehr aus ihrem aktiven Einsatz für die Montessori-Pädagogik zurück. In ihrer Wohnung unterrichtete sie jedoch weiterhin Kinder nach der Montessori-Methode, selbst noch als ihr dies die Nazis verboten hatten. Bis zum Jahr 1936 wurden sämtliche Einrichtungen durch Vorgaben der Politik geschlossen und Literatur war nicht mehr öffentlich zugänglich. Montessori-Pädagogik wurde aus dem Gedächtnis der Deutschen fast gelöscht. Clara Grunwald starb zusammen mit ihren Kindern in Auschwitz.

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Montessori-Pädagogik nach 1945 in der Renaissance

Das Kriegsende ließ neue Kräfte für einen Neustart frei werden. Gemeinsam mit dem Sohn Mario Montessori gründete Prof. Dr. Paul Scheid die Deutsche Montessori Gesellschaft in Frankfurt/Main neu. Diese Wiederbelebung der Pädagogik wurde ausschließlich von Pädagogen angestoßen, die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg mit Montessori in Berührung kamen. Besonders viel Aktivität entwickelte sich in Berlin, da die britische Militärregierung die Montessori-Pädagogik als Ideologie unverdächtig einstufte. Außerdem war in Berlin Irene Dietrich sehr aktiv. Sie erwarb ihr Diplom in den 20er Jahren und leistete viel Überzeugungsarbeit.

In Nordrhein-Westfalen verhalf die spätere Professorin Helene Helming zusammen mit ihren Studenten der Montessori-Bewegung zu einem Neubeginn. 1949 entstand der „Düsseldorfer Kreis“ katholischer Lehrer/innen (wurde später zu „Montessori-Vereinigung e.V.-Sitz Aachen). Diese Gruppierung befasste sich mit der Pädagogik, experimentierte mit Freiarbeit und betrieb Schulreform von innen. In Frankfurt/Main wurden Weiterbildungsangebote für Lehrer und Erzieher organisiert, Materialien gebastelt und getauscht. Montessori-Lehrgänge sorgten für pädagogischen Nachwuchs und so entstanden in den 50er und 60er Jahren viele Einrichtungen, manche davon auch mit heilpädagogischem Ansatz.
Es war jedoch einzelnen Personen und Funktionsträgern zu verdanken, dass Genehmigungen von Einrichtungen erfolgten und auch deren Ausstattung entsprechend sein konnte. In München initiierte Prof. Dr. Hellbrügge eine wegweisende Verbindung von Medizin und Pädagogik. Diese Einrichtung wuchs ständig und besteht heute noch in ihrer unverwechselbaren Art, Inklusion als Grundmodell des Lernens zu praktizieren.
Zwischenzeitlich entstand auch eine erste Dissertation über Montessori im Jahre 1958, dem im Jahre 1964 die seines Kollegen G. Schulz-Benesch folgte. Montessori-Pädagogik wurde dank dieser starken Impulse wissenschaftlich neu belebt.

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Erneute Kritikphase der Montessori-Pädagogik

Die Montessori-Pädagogik wurde Mitte der 60er Jahre erneut in Frage gestellt. Grund waren allgemeine Reformen, die sich auf konzeptionelle Änderungen der Grundschulpädagogik bezogen. Damit einhergehend gab es eine Umstrukturierung der Rahmenrichtlinien und Lehrpläne. Die Inhalte der Grundschulpädagogik mussten der Forderung nach vermehrter Wissenschaftsorientierung, Lernzielformulierung und Lernzieltests angeglichen werden. Neben dem neuen Thema „Kinder mit Migrationshintergrund“ waren Lehrkräfte auch damit überfordert, weil sie nicht entsprechend ausgebildet und vorbereitet wurden.
Die Reformbestrebungen hatten selbstverständlich auch ihr Gutes: Forderung nach stärkerer Individualisierung durch differenzierende Maßnahmen, Integration von behinderten Kindern in Regeleinrichtungen, Aufhebung der Lehrerzentrierung zugunsten der Schülerorientierung und einiges mehr.
Nach dieser Phase der Verunsicherung in den 60er Jahren durch allgemeine Schulreformen breitete sich die Montessori-Pädagogik weiter aus. Viele Bücher Maria Montessoris wurden übersetzt und die Montessori-Kurse wurden vor allem in Westdeutschland/Rheinland vermehrt angeboten. Sicherlich auch angeregt durch die besondere Bewegung in der Vorschulerziehung.

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Montessori-Pädagogik heute

Die Ausweitung der Pädagogik hält seit Mitte der 80er Jahre unvermindert an. Dies bedeutet eine Erweiterung des Ausbildungsangebotes und eine Zunahme an Einrichtungen, die nach dem Konzept Maria Montessoris arbeiten und deren Initiatoren und Gründer hoch motiviert sind. Die Einrichtungen sind heute aufgefordert, ihre Potenziale auf der Basis der von Montessori beschriebenen Grundlinien auszuschöpfen, diese unter wissenschaftlicher Begleitung zu diskutieren und moderne Ergebnisse der Hirnforschung aufzunehmen.

Welch großes Potenzial in der Montessori-Pädagogik für die heutige Zeit zu finden ist, zeigt im Moment auch die öffentliche Bildungs- und Erziehungslandschaft, die an vielen Stellen mehr oder minder deutlich und schleichend viele Aspekte der Montessori-Pädagogik einfließen lässt – wenn auch in abgeschwächter Form.

Montessori-Pädagogik ist heute wie damals eine echte Herausforderung der Zeit.

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Zitatnachweise

Grunwald, C.: Über die Methode der wissenschaftlichen Pädagogin und Ärztin Dr. Maria Montessori. In: Die Neue Erziehung, H.2, 1920, S.421-426

Jaffé, L.: Die Montessori-Schule. In: Zeitschrift für Schulgesundheitspflege, Nr.27, 1914, S.15-18

Montessori, M.: Grundideen meiner Erziehungsmethode. In: Die Lebensschule, H.12, Berlin 1923, S.8-12

Wegner, F.: Clara Grunwald. Studien zu Leben und Wirken, zur Bibliographie und Nachlasssituation einer bedeutenden Montessori-Pädagogin, München 2001 (unveröffentlichte Diplomarbeit)

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