Infos aus und für Einrichtungen

Mit Montessori im Dialog – 1

Das macht Montessori-Pädagogik authentisch

Artikel (Verf.) - Monika Ullmann
Vorstand MLVB, 2020

Die Corona-Pandemie scheint uns seit einigen Monaten und noch auf unbestimmte Zeit im Alltag zu dominieren. Kinderhäuser und Schulen leben mit Hygieneauflagen und die Alltagsstrukturen mussten und müssen weiterhin den Umständen und Anforderungen angepasst werden. Die Einschränkungen der persönlichen Freiheiten bewerten wir unterschiedlich und ebenso werden Veränderungen im Kinderhaus- und Schulalltag unterschiedlich wahrgenommen. Für manche bedeutet es enorme Freiheitsverluste. Andere wiederum besinnen sich gerade jetzt auf die eigentlichen Kernpunkte der Pädagogik und erkennen darin auch Herausforderungen, die gut bewältigt werden können.

Im Grunde zwingt uns die Lage dazu, Montessori-Pädagogik in ihrem Kern zu beleuchten und daraus resultierende Konzepte zu reflektieren und auf ihre Gültigkeit hin zu bewerten.

Die Corona-Pandemie verändert(e)
  1. Bestehende Montessori-Kinderhäuser und Montessorischulen haben längst ihren Weg beschritten, das Konzept mehr oder weniger authentisch zu leben.
    In den Kinderhäusern bilden Teamkonferenzen, Supervisionen und Weiterbildungen meist eine gute Basis, um die Entwicklungsverläufe der Kinder und der Familien ausreichend im Blick zu haben. Das ist die Grundlage für eine laufende Anpassung der systematischen Organisation und „Vorbereitung der Umgebung“.
    Die Schulen sind aufgefordert, im Rahmen ihres Schulentwicklungsprozesses ebenso Veränderungen jeglicher Art zu berücksichtigen.
    So gilt für beide Einrichtungsarten: Die weltweite Pandemie wirkt bis in den pädagogischen Alltag! Dieser Einfluss benötigt neue Kenntnisse, ausreichend Reflexionen und angepasste Handlungen unsererseits.
    Wenn für uns alle die Gesundheit in dieser Zeit oberste Priorität hat, dann müssen wir uns darauf einigen, nur dann von Gesundheit zu sprechen, wenn wir Körper, Geist und Psyche im Einklang wissen. Denn dieses gelingende Zusammenspiel ist in der Montessori-Pädagogik Teil der Basis jeder Intervention. Die aktuelle Hirnforschung unterstreicht diesen Ansatz der Montessori-Pädagogik seit Langem, indem sie beschreibt, dass die Hirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen untrennbar mit deren sozialer und gesellschaftlicher Entwicklung verknüpft ist.

Wir haben die Experten

Ein lebendiges Montessori-Konzept erfordert Pädagog*innen, die

  • Expert*innen sind im Vorbereiten einer angepassten Umgebung – angepasst an die momentanen Entwicklungsbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen.
  • Expert*innen sind im Beobachten von Veränderungen und Entwicklungen und den Mut haben, entsprechende Anpassungen vorzunehmen.
  • Expert*innen sind im Wissen um entwicklungspsychologische Bedürfnisse und diese in Zusammenhang bringen können mit sozialpolitischen und gesellschaftlichen Anforderungen.

Wir haben diese Expert*innen bereits in unseren Einrichtungen. Ihre Fähigkeiten sind in der jetzigen Zeit besonders gefragt.

Was ist nötig?
  1. Allgemein geht es nach wie vor um die Menschwerdung des Kindes und des Jugendlichen. Dem geht voraus, dass Maria Montessori fordert, Mensch sein zu dürfen und auch als solcher erkannt, begleitet und geliebt zu werden.
    Bildungseinrichtungen haben wir deshalb, weil wir diesen Prozess unterstützen wollen und wissen, dass die vom Menschen dringend benötigte Anbindung an die Kultur seiner Umgebung dort besonders gut gelingt, wo Kinder und Jugendliche geschützte „Übungsplätze“ vorfinden. Dazu gehören gesellschaftliche Aspekte (Beispiel Gruppenzugehörigkeit) ebenso wie Kulturtechniken (also über Jahrtausende gewachsene Errungenschaften der Menschheit) und andere Themen.

    In der Montessori-Pädagogik sehen wir drei wichtige Pfeiler, die ausreichend Beachtung finden müssen:

  2. Sicherheit und Geborgenheit
  3. Zuwendung und Anerkennung
  4. Freiheit und Disziplin

Sicherheit und Geborgenheit benötigen wir unser ganzes Leben und wir müssen im Laufe der Zeit lernen dürfen, wie wir nach der Kindheit auch selbst dafür Sorge tragen können. Eine als „gut“ erfahrene Struktur des Umgangs miteinander und mit den Dingen der Umgebung wäre eine wunderbare Ergänzung dieser Erfahrungen.

Die ersten drei Lebensjahre sind bekanntermaßen sehr ausschlaggebend. In dieser Zeit wird der Grundstock dafür über sichere Bindungen gelegt. Kinder bis zu drei Jahren kommen deshalb auch noch gut ohne Gleichaltrige aus, da ihnen diese Basis vornehmlich über Erwachsene gewährt werden kann.

Ab dem dritten Lebensjahr erweitern Kinder meist selbstständig ihren Radius und wenden sich zeitweise anderen Kindern zu. Der sichere Radius erweitert sich durch Übung im Zusammenspiel mit anderen.
Das Grundschulalter zeigt uns, dass Kinder es durchaus sehr schätzen, mit anderen zusammen ihren Wissensspeicher aufzufüllen. Sie profitieren enorm von den Erfahrungen anderer, von den verschiedenen Sichtweisen über das Leben, über Werte und Wichtigkeiten. So gelangen sie im Laufe der Zeit als Jugendliche in die Phase, dass sie sich entscheiden (müssen), wohin sie selbst tendieren und wie sie sich positionieren mögen.

Andere Kinder und Jugendliche sind also für eine gesunde seelische Entwicklung äußerst bedeutsam. Gruppenerfahrungen sind unerlässlich, um verschiedene Rollen und Positionierungen zu erfahren und zu erleben. Dies ist mit ein Grund, warum Maria Montessori größten Wert auf eine Altersmischung gelegt hat, die mindestens drei Jahrgänge umfasst. Denn besonders diese Konstellation bietet dem Kind in seiner Entwicklung eine Fülle an Erfahrungen.
So blicken Jugendliche und junge Erwachsene oft auf eine sehr ausgeprägte und gefestigte Veränderungskompetenz, wenn sie solche Erfahrungen machen und daraus lernen konnten.

Mit Sicht auf die jetzige Situation lässt sich also sagen:

  • Säuglinge und Kleinkinder bis zu drei Jahren kommen gut ohne Gleichaltrige aus, ohne in ihrer Entwicklung Schaden zu nehmen. Sie benötigen jedoch einen sicheren Rahmen mit stabilen Beziehungen und nachvollziehbaren Ritualen.
  • Kinder zwischen drei und sechs Jahren gewinnen in ihrer Entwicklung einen Vorsprung, wenn sie Kontakte zu Gleichaltrigen ausreichend pflegen können. Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zeitraum vor allem die sprachliche Entwicklung, die vom vielfältigen Input sehr profitiert und die Intelligenzentwicklung in ihren Abstraktionsprozessen unterstützt. Kinder benötigen auch in diesem Alter viel Sicherheit über geregelte (aber nicht starre!) Abläufe, verständliche Rituale und sichere (ziemlich gleichbleibende) Umgebungen.
  • Kinder im Grundschulalter benötigen dringend die Möglichkeit, ihr Wissen, ihr Wertesystem und ihre Verhaltensweisen mit anderen abzugleichen. Dadurch stärken sie ihre Veränderungskompetenz und erleben gleichzeitig mehr Freude am Lernen.
  • Jugendliche ab der siebten Klassenstufe etwa können sich in der Regel verändernden Situation besser anpassen als jüngere Kinder. Jedoch geschieht dies meist innerhalb neuer Sozialkontakte außerhalb des Elternhauses. Hier ist also darauf zu achten, dass der Einfluss des Elternhauses zurückgenommen wird und die Jugendlichen nicht in eine erzwungene Regression fallen, die sie wiederum in größere Abhängigkeit von Erwachsenen führt. (Das erforderliche Distanzlernen zu Hause birgt diese Gefahr in sich.) Dagegen ist der Abgleich Jugendlicher mit der Erwachsenenwelt durchaus aktuell. Dies sollte aber in einem guten Dialog über verbindliche persönliche Kontakte gewährleistet
  • werden.

Zuwendung und Anerkennung sind ein Grundbedürfnis jedes Menschen. In der Montessori-Pädagogik wird diesem Bedürfnis an vielen Stellen Rechnung getragen. Kinder und Jugendliche erfahren Zuwendung, indem die Pädagog*innen sie in ihrer Einzigartigkeit sehen (auch wenn sie die Entwicklungsbedürfnisse der gesamten Phase im Blick haben müssen). Die Anpassung der Lernangebote an individuelle Möglichkeiten und Interessen bestätigen jedes Kind in seinem So-Sein, wie es ist.

Hier erfährt es Zuwendung und Anerkennung zugleich.
Ein ehrliches und offenes Feedback, das die Kinder und Jugendlichen gestärkt – auch aus schwierigen Situationen – entlässt, geschieht in größter Achtsamkeit.

Mit Sicht auf die jetzige Situation lässt sich festhalten:

  • Wir müssen bei den Kindern und Jugendlichen für persönliche Kontakte und Angebote von den Pädagog*innen achten.
  • Die Anerkennung zeigt sich besonders auch dadurch, dass wir das Umfeld trotz aller Widrigkeiten progressiv gestalten, sodass sie sich in ihren Bedürfnissen ernst genommen fühlen.
  • Unsere eigenen Ängste sollten uns bewusst sein, damit sie nicht im Rahmen von Kontrolle und Misstrauen den Raum einnehmen, der besser einer freien Entwicklung vorbehalten bleibt.

Freiheit und Disziplin – zwei Partner, die eine besondere Bedeutung haben und wohl auch deshalb besonders strapaziert werden in dieser Zeit.
Maria Montessoris Verständnis von Freiheit ist ein besonderes Verständnis. Die von ihr definierte Freiheit lässt sich eher mit dem Wort „Entwicklungsfreiheit“ beschreiben. Kinder und Jugendliche haben nicht alle Freiheiten von etwas, aber alle Freiheiten zu sich selbst. Da wir den inneren Bauplan eines Kindes nicht kennen, sondern lediglich anhand seiner Interessen und sich entwickelnden Fähigkeiten ablesen können, was von Bedeutung ist, benötigt das Kind für seine Entwicklung auch gewisse äußere Freiheiten. Nämlich vor allem die, seinen intrinsisch motivierten Interessen zu folgen. Das wiederum bedeutet: Eine vorbereitete Umgebung, die den (wissenschaftlich erforschten) Bedeutsamkeiten der jeweiligen Entwicklungsstufe folgt, die von Pädagog*innen den Beobachtungen gemäß angepasst wird und ggf. auch komplett verändert wird. In Bezug auf diesen notwendigen Freiheitsrahmen sind sehr viel Wissen, pädagogische Kompetenz und eine klare Lehrer*innenrolle erforderlich.

Aber auch Disziplin definiert Montessori umfangreicher, als es vielleicht herkömmlich passieren würde. In erster Linie geht es um die Entwicklung einer Disziplin, die von innen her gesteuert wird. Nicht die Regularien und Korrekturen von außen sollen das Kind zur Disziplin bewegen, sondern die Umgebung selbst. Selbststeuerung durch einen achtsamen Umgang mit dem Material, mit den Räumen, mit den Menschen. Hier wird sichtbar, dass diese Bereiche eine gründliche Kenntnis der Bedingungen erforderlich machen. Ebenso müssen Pädagog*innen am Werk sein, die um die Entwicklung der Selbststeuerung im Hinblick auf Disziplin Bescheid wissen. Denn nur eine gut entwickelte Selbstdisziplin lässt uns unbeschadet in Bereichen, in denen Fremddisziplin unumgänglich ist. Wenn dies aber geglückt ist, wissen sich Menschen in sämtlichen Bereichen „gut“ zu benehmen, ohne sich dabei selbst aufzugeben.

Der Blick auf die jetzige Situation sagt uns:

  • Kinder und Jugendliche brauchen reale Ansprechpartner*innen, denen sie vertrauen und denen sie „folgen“ können.
  • Die Wahlmöglichkeiten (interessensgesteuertes Lernen, freie Wahl nach Montessori) müssen gewährleistet bleiben, egal wo Lernen stattfinden soll. Sie sind ein Grundmittel, um die Entwicklung mitverfolgen und entsprechend begleiten zu können. Nur über die freie Wahl des Kindes werden seine Bedürfnisse sichtbar. Jegliche Fremdsteuerung (bsp. über Wochenpläne mit vorgebenen Themen) verfälscht diesen Selbstausdruck.
  • Vor allem Jugendliche brauchen die Wahl, zu entscheiden, mit wem und von wem sie lernen möchten, ebenso auch was sie tun. Freie Gruppenbildung muss also thematisiert und organisiert werden.
  • Eine Kernaussage von Maria Montessori lautet: Die Umgebung soll das Kind leiten! Dieser Satz kann uns gute Dienste leisten bei der Gestaltung und bei der Umgestaltung von Umgebungen.
Eine mögliche Antwort auf die Frage der Umsetzung

Hier folgt nun eine Sammlung von Ideen, die es möglich machen, die Grundlagen der Montessori-Pädagogik im veränderten Alltag keineswegs zu verlassen:

Entwicklungsstufe 1 – Elementarstufe

  • Eingewöhnungsphasen müssen dringend mit den Erziehungsberechtigten bzw. bisherigen Bindungspersonen zusammen gestaltet werden. Auch wenn Kinder eine andere Vorgehensweise scheinbar akzeptieren: Dies ist keine Garantie dafür, dass der Eingewöhnungsprozess nachhaltig erfolgreich war. Ein zu schnelles Arrangement des Kindes mit der Situation ist eher schädlich und hinderlich in der weiteren Entwicklung.
  • Im Kinderhaus kann derzeit viel mehr Wert gelegt werden auf häusliche Arbeiten. Junge Kinder lieben diese Arbeiten und sie sorgen damit gleichzeitig für mehr Hygiene (ohne wirklich dafür verantwortlich zu sein!). Also lassen Sie die Kinder kehren, putzen, wischen, anziehen usw. Nicht Tabletts mit Aufgaben sollten im Vordergrund stehen, sondern das nachahmenswerte Tun der Erwachsenen. Nach der langen Zeit des erzwungenen Zuhauseseins wollen Kinder vielfach auch mehr das tun, was sie von den Älteren gesehen haben.
  • Geschichten helfen zu verarbeiten! Geschichten erzählen und erzählen lassen, Rollenspiele fördern (hier werden auch Ängste verarbeitet, die manche Kinder aus der Familie mitbringen), kreative Mittel zur Verfügung stellen und den Kindern bewusst mehr Raum geben zur persönlichen Entfaltung im musischen und künstlerischen Bereich.
  • Tagesstrukturen mit festgelegten Abläufen immer wieder daraufhin überprüfen, ob diese Abläufe mehr den Kindern oder den Erwachsenen dienen. Zu feste Strukturen bringen häufig Kontrolle und Korrekturen mit sich. Kinder lernen von uns auch den Umgang mit angepassten Veränderungen. Im Sinne einer Erziehung, die vor allem Sicherheit voraussetzt, sollten wir unsere Handlungen dahingehend auch kritisch beleuchten.
  • Junge Kinder lernen am meisten über Versuch und Irrtum. Im Grunde kann das gesamte Kinderhaus ein riesiges Experimentierfeld sein. Forschen, ausprobieren, beobachten, sich und andere entdecken beim Tun – das sind die Hauptbeschäftigungen des Kindes. Besonders hilfreich ist hier die Natur. Nachdem uns Montessori ans Herz gelegt hat, dass die Natur das wichtigste Buch für ein Kind sei, sollten wir alle Türen nach draußen öffnen, so oft es geht. Fast alle Themenbereiche des Kinderhauses lassen sich auch in der Natur bedienen. Wir müssen selbst lernen, die Natur zu lieben, dann werden das auch die Kinder tun!
  • Handhygiene soll Freude machen und kein Zwangsritual werden.
  • Entwicklungsstufe 2 – Primarstufe

  • Die Freiheit, weiterhin individuelle Entscheidungen zu treffen, was, womit, mit wem und wie lange ein Kind arbeitet, kann auch in dieser Zeit uneingeschränkt bleiben. Lediglich die Orte sind ggf. nicht überall frei zu entscheiden oder mit Auflagen belegt. Eine vergleichsweise kleine Einschränkung, wenn alles andere in der persönlichen Entscheidung verbleiben kann.
  • Kinder können in der Schule in den gleichen Kleingruppen arbeiten, in denen sie sich auch zu Hause treffen.
  • Ein Wochenplan ist kein geeignetes Mittel, um den individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Kinder zu dienen. Die Vorgehensweise des Lernens über Wochenpläne ist erfahrungsgemäß nur ganz wenigen Kindern eine echte Hilfe. Wir sollten mit den Kindern ins Gespräch gehen, sie beobachten und ermutigen, verschiedene Vorgehensweisen auszuprobieren. Somit gewinnen sie zunehmend Selbstvertrauen in ihre eigenen Lernideen und -strategien.
  • Kinder brauchen laufend und in einer Wiederholungsschleife einen panoramaartigen Überblick über den Lernstoff, der in den nächsten Jahren ansteht. Die Primarstufe ist das große Feld der kosmischen Erzählungen. Über diese Panoramageschichten werden die Kinder in sämtliche Bereiche des Lernstoffes eingeführt. Kosmische Erzählungen sollten fester Bestandteil sein und können auch auszugsweise die Motivation zu bestimmten Themen ankurbeln.

Entwicklungsstufe 3 – Sekundarstufe

  • Die Freiheit, weiterhin individuelle Entscheidungen zu treffen, was, womit, mit wem und wie lange die Jugendlichen arbeiten, kann auch in dieser Zeit uneingeschränkt bleiben. Lediglich die Orte sind ggf. nicht überall frei zu entscheiden oder mit Auflagen belegt. Eine vergleichsweise kleine Einschränkung, wenn alles andere in der persönlichen Entscheidung verbleiben kann. Und besonders hier kann die Verantwortungskompetenz der Jugendlichen z.B. über Themengespräche enorm erweitert werden.
  • Jugendliche benötigen dringend Gruppen und sind auch durchaus in der Lage, die gleiche Gruppe über einen längeren Zeitraum zu genießen, wenn Erwachsene sie dabei begleiten, ausreichend Prozesse zu reflektieren und Änderungen mitzugehen. Für Jugendliche ist die Arbeit im Team das geeignete Mittel und diese Zusammenarbeit kann über verschiedene Kanäle sein. Pädagog*innen sollten dennoch zuverlässige Präsenz zeigen und dabei sowohl die Gruppe als solche als auch jede Einzelperson gezielt ansprechen. In Zeiten digitalen Lernens verändert sich dabei lediglich die Umgebung, nicht aber das Setting selbst.
  • Ein Wochenplan ist kein geeignetes Mittel, um den individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten der Jugendlichen entgegenzukommen. Die Vorgehensweise des Lernens über Wochenpläne ist erfahrungsgemäß nur ganz wenigen Jugendlichen eine echte Hilfe. Sie verleitet dazu, Aufträge abzuarbeiten, aber sie organisiert nicht nachhaltig das individuelle Lernen der Jugendlichen. Wir sollten mit den Jugendlichen ins Gespräch gehen, sie beobachten und ermutigen, verschiedene Vorgehensweisen auszuprobieren. Somit gewinnen sie zunehmend Selbstvertrauen in ihre eigenen Lernideen und -strategien.
Allgemeine Hinweise an die Pädagog*innen
  • In den bayerischen Bildungsleitlinien wird deutlich Bezug darauf genommen, dass der Erziehungs- und Bildungsauftrag nur gemeinsam mit den Eltern erfüllt werden kann. Daher sind alle Pädagog*innen zu jeder Zeit aufgefordert, in einem guten und engen Kontakt mit den Familien zu stehen.
  • Die Kooperation mit den Eltern muss sich in solchen Zeiten – wie beispielsweise unter Pandemiebedingungen – intensivieren. Entwicklung und Lernerfolg werden häufig vordergründig eher mit quantitativer Zeit in Verbindung gebracht als mit qualitativer Zeit. Montessori-Pädagog*innen sorgen für mehr Qualität in der Nutzung der Zeit und darüber sollte ausführlich gesprochen werden.
  • Gesellschaftliche Umbrüche und folglich politische Entscheidungen (wie etwa weniger Betreuungszeit in Einrichtungen) setzen Familien allzu schnell unter Druck. Einer Übertragung von Ängsten auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen sollten wir unbedingt entgegenwirken und diese individuellen Situationen in unserer vorbereiteten Umgebung, die vom Kinde aus gedacht ist, berücksichtigen. Ein engmaschiger transparenter Dialog mit den Eltern und den Kindern/Jugendlichen, Flexibilität und Anpassung im pädagogisch-methodischen Vorgehen und die Besinnung auf Kernforderungen der Montessori-Pädagogik helfen an dieser Stelle unbedingt weiter.
  • Richtlinien können auch unter Einbeziehung des gesunden Menschenverstandes eingehalten werden. Wir sollten in der Lage sein, gleichzeitig unser Verhalten an die individuellen Gegebenheiten anzupassen. Denn das leisten die Verordnungen definitiv nicht im Vorfeld.
  • Nicht jede Familie ist mit Technik rundum ausgestattet (Farbdrucker, Laptops usw.). Kinder gelangen sehr schnell in Nöte, wenn sie Aufträge aufgrund dessen nicht erledigen können. Es kann auch nicht Auftrag an die Familie sein, dafür zu sorgen, dass Schule zu Hause fortgeführt werden kann. Die Aufgaben müssen entsprechend angepasst werden und im besten Fall sind sie frei wählbar. So kann jedes Kind und jeder Jugendliche seinen Einsatz den Gegebenheiten anpassen.
  • Die Bildschirmzeit ist für jedes kindliche Gehirn eine große Herausforderung. Sie muss in einem vernünftigen, unschädlichen Umfang geplant sein. Mehr Lernen zu Hause darf nicht gleichbedeutend sein mit mehr Zeit am Bildschirm.

Unsere Montessori-Pädagogik bleibt auch in dieser Ausnahmezeit authentisch wenn wir

  • unsere Haltung am Menschenbild Montessoris orientieren und nicht verlassen,
  • jedes Kind und jeden Jugendlichen als Individualperson sehen und deren Begleitung dementsprechend gestalten,
  • unsere Rolle als Lehrperson in größter Wertschätzung und Achtung vor dem Kind/Jugendlichen wahrnehmen,
  • mit größtem Einfallsreichtum eine progressive Lern- und Entwicklungsumgebung schaffen,
  • Eltern in ihren Sorgen und Ängsten ernst nehmen, ausreichend informieren und in einem guten Dialog mit ihnen bleiben.